Wie du mit Bodyshaming umgehst

Wie du mit Bodyshaming umgehst
Michael Kensy - Michaels Blog
Typische Probleme von schwulen Menschen

Kennst du auch diese Typen, die einfach großartig aussehen und ihren perfekt trainierten Körper überall im Netz präsentieren? Die Natur war gnädig mit ihnen und du denkst dir vielleicht: “Warum sehe ich nicht so aus?“. Gerade wenn du dich in der schwulen Community umschaust, sei es auf Dating Apps, in Facebook-Gruppen, auf Instagram oder TikTok, spielt gutes Aussehen offensichtlich eine enorm wichtige Rolle. Ein übertriebener Körperkult mit sehr hoch gesteckten Schönheitsidealen sind in der Szene sehr verbreitet. Das Schlimme daran ist, dass Menschen, die diesem Ideal nicht entsprechen regelrecht diskriminiert und ausgegrenzt werden. In diesem Beitrag erfährst du, wie Bodyshaming entsteht, warum es gerade unter uns Schwulen ein großes Problem ist und wie du lernen kannst damit umzugehen.

Was ist Bodyshaming?

Hast du schon mal jemanden in einer Dating-App angeschrieben, der dir gefallen hat und du hast eine Antwort erhalten wie z.B. “Sorry aber du hast mir ein paar Kilos zu viel auf den Rippen” oder “Du bist mir einfach zu dünn“? Das waren jetzt nett gewählte Beispiele, teilweise kann es auch in richtige Beleidigungen übergehen. Wenn du das schonmal lesen musstest, hast du Bodyshaming erfahren. Du wurdest für deinen Körper diskriminiert und ausgegrenzt, weil er nicht dem perfekten männlichen Schönheitsideal entspricht. Ein Phänomen, was insbesondere in der schwulen Community weit verbreitet ist. Scrollst du durch die Profilbilder der diversen Apps, denkst du vielleicht, dass du gerade auf einer Mode-Seite für Unterwäsche unterwegs bist. Das was in der Hetero-Welt als normal durchgehen würde, hat hier keinen Platz mehr. Entweder dein Körper ist perfekt oder du gehörst nicht dazu!

Warum sind Schwule so oberflächlich?

Die Ursachen für diese Oberflächlichkeit sind recht vielfältig. Grundursache ist wie so oft das Aufwachsen in einer heteronormativen Gesellschaft. Wir haben früh gemerkt, dass wir anders sind, durften es aber nicht zeigen, aus Angst davor abgelehnt und ausgegrenzt zu werden. Dabei ist das in den meisten Fällen ein unbewusster Prozess, denn es entsteht die tiefe Prägung, dass man falsch ist, so wie man ist. Als Schutz entwickeln wir einen sehr ausgeprägten Sensor dafür, was andere von uns denken. Ständig mit der Angst lebend, enttarnt zu werden. Nach dem Coming-Out hört es damit paradoxerweise aber nicht auf.

Nicht schön genug, um schwul zu sein

Das Coming-Out ist für die meisten bereits ein sehr energieraubender Prozess. Man hat gelernt sehr sensibel darauf zu achten, wie andere einen bewerten, um nicht aufzufliegen. Direkt nach dem Coming-Out sind die meisten schwulen Männer dann erstmal erleichtert und haben die Hoffnung, von der schwulen Community mit offenen Armen empfangen zu werden, weil sie jetzt endlich so sein dürfen wie sie sind. Was sie dann aber dann vorfinden ist eine übertrieben sexualisierte Darstellung von völlig unerreichbaren Schönheitsidealen. Liest man dann auf den diversen Dating Apps dann noch sowas wie “no fems, no fats, no asians“, versteht man die Welt nicht mehr. Eine diskriminierte Minderheit diskriminiert sich selbst? Wie absurd ist das denn? So einer ablehnenden und oberflächlichen Haltung begegnet man überall. Egal wie toll du dich und deinen Körper bis dahin gefunden hast, plötzlich wird dir klar, dass er nicht schön genug bist, um schwul zu sein. Gerade erst hat man sich der Bewertung der Hetero-Gesellschaft entzogen, geht das (Ab-)Werten von vorne los.

Das Opfer wird zum Täter

Um in der nun heimischen Community Fuß zu fassen, geht nun das Aufreiben los. Damit ich dazu gehöre, braucht es also offensichtlich einen Adonis-Körper. Wir übernehmen hier ungefragt die Ideale und ungeschriebenen Regeln der schwulen Community und fangen an zu trainieren und unsere Ernährung anzupassen. Wir sind besessen von dem Gedanken einen Top-Körper zu formen, weil wir dem Irrglauben unterliegen, dass man nur so von anderen Schwulen beachtet wird. Hat man sich diesen dann erarbeitet, können die Profilbilder aktualisiert werden und wir sind endlich angekommen in der schwulen Community. Schreibt uns dann jemand an, der keinen perfekten Body hat, können wir das, was wir damals selbst erlebt haben zurückgeben mit der Antwort “Sorry Boy, mit so einem Körper spielst du leider nicht in meiner Liga“. Das einstige Opfer wird zum Täter und übt nun selbst Bodyshaming aus. Und damit entsteht ein endloser, toxischer Kreislauf.

Was willst du wirklich?

Anstatt diesen Schönheitsidealen blind hinterherzulaufen, solltest du deine eigenen Motive hinterfragen. Machst du das weil du glaubst, dass du nur mit einem perfekten Körper dazugehörst und Beachtung findest? Denke diesen Gedanken bitte einmal sorgfältig zu Ende.  Willst du wirklich zu denen gehören, die sich so oberflächlich und diskriminierend anderen gegenüber zeigen? Die Aufmerksamkeit, die du dort erhältst, reicht sicherlich für sehr viele Abenteuer in diversen Schlafzimmern. Wenn du aber auf der Suche nach echter Anerkennung und tiefer Bindung bist, dann wird dir dein Körper alleine nicht weiterhelfen. Denn durch deine eigene Oberflächlichkeit ziehst du eben auch nur Oberflächlichkeit in dein Leben. Warum erleben wohl so viele Schwule, die einen absoluten Traumkörper haben und von Bett zu Bett springen, trotzdem eine unstillbares und tiefes Gefühl der Einsamkeit? Weil Anerkennung von außen die inneren Wunden nicht heilen kann.

Raus aus dem Mangeldenken

Wenn du selbst nun tatsächlich Opfer von Bodyshaming wurdest und mit deinem Körper unzufrieden bist, solltest du einen gesünderen Weg wählen damit umzugehen. Anstatt fremdgesteuerte Schönheitsideale zu verfolgen, solltest du lieber dein eigenes Schönheitsideal kreieren und verfolgen. Und das beginnt damit, dass du dich ganz auf dich fokussierst. Wenn du mit dir selbst zufrieden bist und es dich nicht stört, was andere von dir oder deinem Körper halten, dann wirst du ganz natürlich den Körper erschaffen, der deinem Naturell entspricht. Und dann ist es völlig egal ob du für andere zu dünn, zu dick, zu klein, zu fem, zu was weiß ich bist. Du bist nämlich einfach genau richtig.

Die Spiegelübung:

Eine mächtige Übung, um deine eigene Schönheit zu finden ist die Spiegelübung. Führe sie im besten Fall jeden Tag durch, denn nur durch Regelmäßigkeit verändert sich wirklich etwas.

Betrachte dich eine Weile im Spiegel (am besten nackt) und finde 3 Merkmale an dir, die dir wirklich gefallen. Wenn du auf Anhieb keine findest, dann lass dir Zeit, es gibt sie, du siehst sie nur vielleicht nicht auf Anhieb.

Negative Merkmale umdeuten

Dann finde 3 Merkmale an dir, die du absolut nicht magst und vielleicht sogar hässlich findest. Nimm für diese 3 Merkmale mal bewusst eine positive Perspektive ein, indem du sie umdeutest. Hast du z.B. eine Narbe, die du hässlich findest? So eine Narbe ist ein Merkmal an dir, was dich einzigartig macht und eine Geschichte erzählt. Das macht dich interessant für andere. Hast du das Gefühl ein paar Kilo zu viel auf den Rippen zu haben? Dafür genießt du vielleicht das Leben viel mehr und verzichtest nicht krampfhaft auf Genuss. Sei kreativ bei deinem Perspektiv-Wechsel

Erfolge feiern

Danach schaust du dir tief in die Augen und sagst dir worauf du heute stolz bist. Was hast du getan? Was ist dir gut gelungen? Es muss kein riesiger Erfolg sein. Nur eine kleine Sache, die dir heute gut gelungen ist oder die du anders gemacht hast als sonst.

Am Ende sag deinem Spiegelbild ins Gesicht „Ich bin stolz auf dich“ und “Ich liebe dich”. Wenn sich das am Anfang komisch für dich anfühlt, ist das völlig OK. Wenn du das aber eine Weile gemacht hast, wirst du irgendwann merken, dass sich auch dein Fühlen verändert.

Sei am Anfang nicht frustriert, weil es sich komisch anfühlt oder sich noch nicht sofort etwas verändert. So eine Übung verändert neuronal wirklich etwas in deinem Gehirn und du wirst irgendwann die Veränderung wahrnehmen können. Sei es dir wert!

Fazit

Bodyshaming ist in der schwulen Community leider sehr weit verbreitet. Menschen werden regelrecht diskriminiert, wenn sie nicht einem bestimmten, männlichen Schönheitsideal entsprechen. Diesem nachzueifern ist jedoch nicht sinnvoll, da der endlose Kreislauf des Bodyshamings nicht unterbrochen wird. Es ist viel sinnvoller sein eigenes Schönheitsideal für sich zu definieren und dieses zu verfolgen. Nur so kann man sich selbst als richtig und wertvoll empfinden und ist zugleich noch ein gutes Vorbild für die Community.

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