Sind offene Beziehungen überhaupt echt?

von | 9. Sep 2022

Hast du auch schon mal in einem Dating-Profil den Beziehungsstatus “offene Partnerschaft” gelesen und dir vielleicht gedacht: “Das ist doch keine echte Beziehung!”.
Viele Vorurteile kursieren über offene Beziehungen: “Der will sich doch nur die Möglichkeit offenhalten, mit anderen Männern Spaß zu haben und betrügt dabei doch in Wahrheit seinen Freund.” Das ist eine nachvollziehbare Sichtweise, aber stimmt das überhaupt? Wer sagt denn, dass Beziehungen nur echt sind, wenn sie monogam sind? 
In diesem Artikel möchte ich die Frage diskutieren, ob offene Beziehungen überhaupt echte Beziehungen sind oder nur Augenwischerei, um die Vorzüge von Beziehung und Single-Sein gleichzeitig genießen zu können oder ob die monogame Beziehung vielleicht die “unechte Beziehung” ist.

Was ist eine offene Beziehung?

Bei einer offenen Beziehung (auch offene Partnerschaft genannt) vereinbaren die Partner miteinander, dass sie sich auch mit anderen Menschen treffen dürfen. Hier geht es bei schwulen Männern um die Öffnung für sexuelle Abenteuer mit anderen Männern. 
Offene Beziehungen kommen natürlich auch bei lesbischen, bisexuellen oder heterosexuellen Paaren vor. Solche Vereinbarungen sind oft Ergebnis einer Entwicklung in der Beziehung. So ist es nicht unüblich, dass sich ein Paar mehrere Jahre der Monogamie verschreibt, ihre Partnerschaft dann aber öffnet, um frischen Wind in ihr Sexualleben zu bekommen. Andere wiederum vereinbaren von Anfang an eine offene Partnerschaft, weil das für beide gut passt. Natürlich gibt es auch die klassische monogame Partnerschaft, in der sich beide Partner exklusiv füreinander entscheiden. Wenn mehrere Menschen sich lieben und eine Beziehung miteinander führen, nennt man das Polyamorie. Mit mehr als einem Partner gleichzeitig verheiratet zu sein (Polygamie) ist in Deutschland nicht erlaubt, da die Ehe durch das Grundgesetz einen besonderen Schutz genießt.

Monogamie – eine kulturelle Erfindung?

Nun gibt es durchaus einige Wissenschaftler, die behaupten, dass Monogamie eine kulturelle Erfindung der Menschheit sei, die unseren biologischen Anlagen gar nicht entspräche. So besagt eine Evolutions-Theorie, dass Männer ihre Gene möglichst an viele Frauen weitergeben wollen, um das Überleben der eigenen “Sippe” zu sichern. Die Theorie hinkt bei homosexuellen Männern natürlich etwas, dürfte aber an der evolutionären Lust nach vielen Partnern nichts ändern. Ob an dieser Theorie etwas dran ist, konnte bisher aber nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Was aber auffällt ist, dass laut Statistiken die Fremdgeh-Quote in einer monogamen Beziehung recht hoch ist. Daher darf die provokante Frage, ob monogame Beziehungen denn überhaupt die einzig “echte” Beziehung ist, durchaus gestellt werden.

Vorzüge der Monogamie

Viele Paare verbinden mit Monogamie die Sicherheit, den eigenen Nachwuchs gemeinsam großzuziehen, bis dieser auf eigenen Beinen stehen kann. Kinder sind also Bindeglied zwischen den Partnern. Zudem bietet eine feste Familie auch immer Zugehörigkeit und gegenseitige Unterstützung im besten Fall. Wenn man sich an die ganzen Familienfeste erinnert, die im Jahr so anstehen, ist das schon eine schöne Sache, die Zusammenhalt schafft und stärkt. Jedenfalls dort, wo die Familie intakt ist. Zudem hat die Exklusivität eines einzelnen Partners auch etwas romantisches, indem man sich verspricht, nur füreinander da zu sein. Für eine Gesellschaft hat Monogamie zudem auch etwas Entspannendes. Statistiken besagen, dass in Gesellschaften, in denen Monogamie praktiziert wird, weniger Gewalttaten verübt werden, als in Gesellschaften mit Polygamie. Grund dafür ist, dass es bei den 1:1 Beziehungen für Menschen wahrscheinlicher ist, einen Partner zu finden, als wenn ein Mensch viele Partner(innen) hat und für andere sprichwörtlich nichts übrig bleibt.

Vorzüge der offenen Beziehung

Offene Beziehungen, wie sie im Allgemeinen verstanden werden, haben jedoch nichts mit der Vielehe zu tun. Wenn man von einer offenen Partnerschaft spricht, meint man in aller Regel, dass zwei Partner sich auf Beziehungsebene einander exklusiv verschreiben, also soziale Monogamie, aber in sexueller Hinsicht offen für andere Menschen sind. 
Gerade unter schwulen Männern kommen offene Partnerschaften viel häufiger vor als bei heterosexuellen Partnerschaften. Das könnte vor allem an dem fehlenden Rollenmodell einer Beziehung für homosexuelle Paare liegen. Wird in einer klassischen Beziehung zwischen Mann und Frau in unserer Gesellschaft eine monogame Beziehung vorgelebt und Fremdgehen als etwas Schlimmes verurteilt, fehlt bei homosexuellen Paaren jegliches Rollenmodell einer vorgelebten schwulen Beziehung. So glauben Forscher, dass sich homosexuelle Paare also eher an ihren biologischen Bedürfnissen ausrichten und nicht in den starren Rollenbildern ihrer Eltern verharren wollen.

Frischer Wind im Sexualleben

So eine offene Beziehung hat durchaus Vorteile. Viele Paare in monogamen Partnerschaften, die bereits lange zusammen sind, berichten oft über eine Flaute im Bett. Sie lieben sich zwar noch, aber sexuell gehe nicht mehr viel. Kommt es dann zu einem Seitensprung, weil die Lust nach sexueller Erfüllung zu groß wird, geht das große Drama los, was nicht selten in einer Trennung endet. Wäre es da nicht tatsächlich eine gute Idee, wenn sich das Paar sexuell anderen Menschen öffnet, um das zu verhindern? Wenn auf sozialer Ebene die Beziehung gut funktioniert, das Sexleben aber ein Problem darstellt, wäre das eine Möglichkeit, über die man nachdenken könnte. In den meisten Köpfen ist diese Art jedoch moralisch verpönt und kommt nicht in Frage. Vielleicht ist es an der Zeit, starre gesellschaftliche Normen einmal zu hinterfragen.

Eifersucht als Gefahr einer offenen Beziehung

Es darf aber auch nicht übersehen werden, dass eine offene Beziehung auch Gefahren mit sich bringt. So kann die freie Wahl des Sexualpartners durchaus auch Neid und Eifersucht auslösen, was wiederum zu Spannungen in der sozialen Beziehung führen kann. Außerdem ist kein Mensch davor geschützt, dass er sich nicht Hals über Kopf in den Menschen verliebt, den er beim sexuellen Abenteuer kennenlernt. Diese Gefahr darf durchaus ernst genommen werden. Hier hilft es, dass man dieses Thema frühzeitig adressiert und miteinander darüber spricht. Generell ist eine ehrliche Kommunikation die Grundvoraussetzung für eine glückliche Beziehung, egal welches Modell in der Beziehung verfolgt wird.

Sex als Kompensation

Zudem kann gerade bei schwulen Männern der Drang nach einem sehr vielfältigen Sexleben aber auch ein Anzeichen von Kompensation sein. Wenn der Partner einem nicht das Gefühl gibt, sexuell attraktiv zu sein und man sich aus diesem Grund die Bestätigung woanders sucht, könnte das auf einen ungünstigen Umgang mit partnerschaftlichen Problemen hindeuten. Hier wäre es angebracht, einmal genau hinzuschauen, welche Rolle der Sex mit anderen Männern wirklich erfüllt und ob er nicht eher eine dysfunktionale Strategie darstellt, um seelische Probleme zu betäuben.

Fazit

Die Frage, ob offene Beziehungen überhaupt echt sind, kann hier ganz klar mit einem Ja beantwortet werden. 
Eine offene Partnerschaft hat sogar Vorteile, welche die eigentliche soziale Beziehung zweier Menschen stärken kann. Ist das Sexleben ein Problem und es drohen Seitensprünge, kann das Öffnen der Beziehung für andere Sexualpartner die Beziehung entspannen und auf ein anderes Level heben. Moralische Vorurteile gegenüber einer offenen Beziehung lassen Viele allerdings davor zurückschrecken. 
Die monogame Beziehung ist aber ebenso echt und wenn zwei Menschen ihr Leben exklusiv füreinander bestimmt sehen, ist das etwas Schönes und weder besser noch schlechter, als ein anderes Beziehungsmodell.
So muss also jeder für sich selbst entscheiden, welche Form der Beziehung für ihn am besten passt, ohne die andere Form zu verurteilen.

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