Warum ist ein Coming-Out immer noch notwendig?

Ist ein Coming-out noch notwendig?

Kennst du auch diese Menschen, die verständnislos fragen: “Warum ist ein Coming-Out denn heutzutage noch notwendig? Ist doch mittlerweile alles akzeptiert in der Gesellschaft“.  Nun, wenn das so wäre, dann wäre ein Coming-Out in der Tat nicht mehr notwendig. Diese sogenannte Gesellschaft ist bei diesem Thema aber leider noch nicht ansatzweise so weit, wie sie behauptet zu sein. In diesem Artikel beschreibe ich, warum ein Coming-Out immer noch notwendig ist und warum dies trotz gesellschaftlichem Fortschritt so eine große Sache für die Betroffenen ist. 

Inneres und äußeres Coming-Out

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Arten von Coming-Outs. Das innere und das äußere Coming-Out. Das innere Coming-Out ist der Prozess, bei dem sich jemand seiner sexuellen Orientierung bewusst wird. Dieser Prozess verläuft bei jedem unterschiedlich und kann zum Teil Jahrzehnte lang dauern. Am Ende dieser Phase hat derjenige seine sexuelle Orientierung akzeptiert. Anschließend steht die Entscheidung an, ob man sich auch gegenüber seinem Umfeld outen möchte. Hier spricht man vom äußeren Coming-Out, wo die eingangs erwähnte Frage anknüpft.

Heterosexualität hat höhere Wertigkeit

Menschen, die sich fragen, ob ein Coming-Out heutzutage noch notwendig ist,  lassen oft mit ihrem Unverständnis eine unbewusste Überzeugung durchscheinen, dass Heterosexualität nach wie vor eine höhere Wertigkeit besitzt als Homosexualität. Frei interpretiert nach dem Motto „wir dulden euch doch jetzt, was wollt ihr denn noch?“ enthält diese Frage zwischen den Zeilen eine Wertung, die einen faden Beigeschmack hat.

Sexualität ist auf einem breiten Spektrum

Denn auch wenn es wissenschaftlich nach wie vor unklar ist, wie sich sexuelle Orientierung konkret entwickelt, ist es heute eine akzeptiere Ansicht, dass unterschiedliche Präferenzen bei der Wahl eines Sexualpartners völlig natürlich sind. Die sexuelle Identität ist, wie das Geschlecht auch, eine Ausprägung auf einem breit gefassten Spektrum und kann nicht einfach nur in Hetero und Homo bzw. männlich und weiblich eingeteilt werden. Die Natur wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Es sind wir Menschen, die daraus offensichtlich ein Problem machen. 

Das Coming-Out ist ein komplexer Prozess

Was viele jedoch nicht verstehen ist, dass ein Coming-Out eben nicht einfach nur ein simpler Satz ist, der ausgesprochen werden muss. Es ist ein biologischer und psychischer Prozess, der sich über Jahre, teilweise Jahrzehnte zieht, bis ein Mensch bereit ist, sich selbst einzugestehen, dass er queer  ist. Sich gegenüber seinem Umfeld dann zu outen ist nochmal eine ganz andere Herausforderung.

Leben in einer heteronormativen Welt

Es stimmt zwar, dass die Gesellschaft immer offener und toleranter gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden wird. Das heißt aber nicht, dass es kein Problem mehr ist. Wir leben in einer sogenannten heteronormativen Welt. Das bedeutet, dass ein existierendes gesellschaftliches Wertesystem akzeptiert wird , in dem es genau zwei Geschlechter gibt und die Beziehung zwischen Mann und Frau der Normalzustand ist. Dieses Wertesystem übernehmen wir ungefragt von unseren Eltern, die es wiederum von ihren Eltern übernommen haben.

Wertesystem der Eltern wird übernommen

Queere  Menschen, die in dieser Gesellschaft nun aufwachsen, sehen sich dem Bedürfnis ausgesetzt, diesem Wertesystem zu entsprechen, da sie als Kind noch nicht in der Lage sind, differenziert zu denken. Als Kind kommen wir gar nicht auf die Idee unsere Eltern zu hinterfragen, daher übernehmen wir alles, was sie uns vorleben. Die Eltern haben immer recht. Leben diese uns eben ein sehr heterosexuell geprägtes Leben vor, nehmen wir automatisch an, dass es so sein muss.

Abwehrmechanismen werden aktiviert

Spürt ein queerer Mensch im Kindes- und Jugendalter aber, dass er anders ist, entsteht ein innerer Konflikt. Für seine psychosoziale Entwicklung ist es nämlich wichtig, dass er sich vor allem zu einer Gruppe Gleichaltriger dazugehörig fühlt. Also versucht er sich in das gesellschaftliche Wertesystem zu pressen. Seine Andersartigkeit weckt aber Gefühle und Sehnsüchte in ihm, die nicht dazu passen. Erfährt er durch sein Umfeld, dass queere Menschen falsch sind, verdrängt er diese Gefühle erst einmal und vergräbt sie tief in seinem Unbewussten damit er nicht ausgestoßen wird. Dieser Prozess läuft völlig unbewusst ab.

Zusätzliche Entwicklungsanforderungen überfordern

Nun kann sich glaube ich jeder vorstellen, dass verdrängte Gefühle in einer Identitätskrise nicht gerade hilfreich sind. Im Gegenteil, diese zusätzlichen Entwicklungsanforderungen, denen heterosexuelle Jugendliche nicht ausgesetzt sind, führt bei queeren Jugendlichen teilweise zu Überforderung. Es können sich früh psychische Krankheiten wie Depressionen bis hin zu Persönlichkeitsstörungen bilden und Anfälligkeit für Suchterkrankungen fördern.  In einem so sensiblen Stadium der Entwicklung mit sich und seinem Umfeld nicht klarzukommen, fördert leider auch oft Selbstmordgedanken, was Statistiken über Suizidversuche und Suizidraten bei queeren Jugendlichen traurigerweise bestätigen. 

Nach dem Outing ist vor dem Outing

Selbst wenn es dem Menschen letztendlich gelingt, sich selbst als queer zu akzeptieren, ist damit zwar das innere Coming-Out abgeschlossen, aber das Outing im näheren Umfeld steht noch an. Hier kommen nun zusätzlich Gefühle der Angst, Trauer und Wut ins Spiel. Gedanken wie “Warum muss gerade ich anders sein” sind da keine Seltenheit. Ein unbewusster Wunsch doch noch ins System zu passen. Damit verbunden sind Gefühle der Isolation und Einsamkeit. Kein leichtes Paket für einen einzelnen Menschen, der einfach nur dazugehören will. 

Coming-Out bleibt notwendig

Ich denke es wird klar, dass ein Coming-Out IMMER eine große Sache für den Betroffenen ist. Und daher ist es auch nach wie vor so wichtig und notwendig, dass sich Menschen öffentlich outen, damit Vorbilder für andere queere Menschen existieren, die sich noch mitten in ihrer Identitätskrise befinden. Der Grund, warum Menschen das als nicht mehr notwendig erachten ist schlicht und ergreifend die Tatsache, dass sie bisher nicht verstanden haben, wie schmerzhaft und belastend dieser Prozess ist, da sie mit so einer existenziellen Krise selbst nicht konfrontiert waren.

Das Positive am Coming-Out 

So schmerzhaft und energieraubend der Coming-Out Prozess auch ist, so hat er auch etwas Gutes. Queere  Menschen lernen früh sich mit heftigen Problemen auseinander zu setzen. Überstehen sie diese Identitätskrise gut, haben sie heterosexuellen Menschen eine wichtige Erfahrung voraus, die sie für das weitere Leben noch viel stärker  macht. 

Fazit

Ja, es ist nach wie vor notwendig und wichtig, dass sich queere Menschen outen. Der Prozess ist langwierig, schmerzhaft und energieraubend. Daher brauchen queere Menschen inmitten ihrer Identitätskrise Vorbilder, die ihnen dabei helfen diese zu überstehen. Für ein Leben, in dem kein Coming-Out mehr notwendig ist, darf die Gesellschaft ihre Normen von zwei Geschlechtern und der Idealbeziehung zwischen Mann und Frau aufgeben. Bis es so weit ist, wird noch sehr viel Zeit vergehen. Daher ist es so wichtig, dass wir jeden einzelnen dabei unterstützen, der anders ist. Egal in welcher Phase seines Coming-Out Prozesses er sich gerade befindet.


Eine Antwort auf „Warum ist ein Coming-Out immer noch notwendig?“

  1. Ich selbst habe meine sexuelle Orientierung erst mit Mitte 40 erfahren dürfen. Das coming out dann mit 47. Früher fehlten mir halt die Vorbilder um überhaupt meine Gefühle zuordnen zu können. Diese Vorbilder habe ich dann über http://www.co30.de gefunden. Dort steht auch meine Geschichte. Von der Eigendynamik meines coming out.
    GLG Maks

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