Immer wenn es ernst wird, verliere ich das Interesse

Immer wenn es ernst wird, verliere ich das Interesse
Michael Kensy - Michaels Blog
Typische Probleme von schwulen Menschen

Es ist passiert, jemand interessiert für dich? Na dann herzlichen Glückwunsch!

Ihr hattet auch schon mehrere Dates und es lief eigentlich ganz gut. Auf dem Papier passt ihr super zusammen, teilt ähnliche Interessen und habt auch die gleichen Ideen für eine Zukunft. Nun geht es also darum zu schauen, ob aus dem anfänglichen Interesse mehr werden kann. Doch irgendwie beschleicht dich das Gefühl, dass irgendwas nicht passt. Deine Bekanntschaft ist zwar echt nett und ihr versteht euch super, aber so richtig verliebt bist du nicht. Schlimmer noch, jetzt wo es ernst wird sind dein anfängliches Interesse und die Gefühle gänzlich verschwunden. Du bist dir jetzt nicht mehr sicher, ob du diesen Weg weiter gehen willst oder es bei einer Freundschaft belässt.

Wenn du diesem typischen Problem, welches sehr häufig bei Schwulen auftritt, öfter begegnest und dich das immer wieder frustriert, weil du nie die Beziehung bekommst, die du dir wünscht, dann habe ich eine Vermutung warum das so sein könnte.

Du hast einfach Angst!

Das mag auf den ersten Blick jetzt komisch klingen, schließlich fühlst du ja gar keine Angst. Im Gegenteil, du fühlst gar nichts mehr für den anderen, aber öffne dich gerne mal den Ideen, die ich dir zu dem Thema hier gebe.

Keine Gefühle mehr nach einigen Treffen

Mir ging das auch jahrelang so. Ich habe gedatet wie ein Verrückter und im Nachhinein betrachtet waren auch viele tolle Typen dabei. Am Anfang hatte ich bei vielen noch das Gefühl “Ja das könnte doch passen” und wir trafen uns öfter, um uns noch besser kennenzulernen. Doch immer wenn es ernst wurde und auf mehr hinaus lief, kamen mir dann Zweifel, ob er der Richtige sein könnte oder ob es nicht doch noch jemand Besseren gibt. Meine anfängliche Aufregung und Vorfreude für die Treffen verschwanden. Ich verschob immer mehr Verabredungen oder fand Gründe, warum ich früher nach Hause wollte. Am Ende war ich dann immer froh, wenn ich wieder für mich alleine war. Es fühlte sich wie eine richtige Erleichterung an. Auf der anderen Seite war aber auch eine Menge Frust dabei. So hatte ich mir Beziehung und Partnersuche nicht vorgestellt. Ich wollte mich auf den ersten Blick verlieben, jemanden schon nach der Verabschiedung wieder vermissen, dem nächsten Treffen regelrecht entgegen fiebern. Am Ende waren aber immer jegliche Gefühlsansätze erloschen.

Du leidest an Beziehungs-FOMO

Wenn du auch so viel datest wie ich es getan habe und es am Ende meist von deiner Seite aus nie mehr wird, kannst du das vielleicht gut nachvollziehen. Ein unbewusster Gedanke, der in solchen Situationen mit reinspielt ist der, dass du dich für diesen Partner fest entscheiden müsstest. Die logische Konsequenz daraus ist, dass du dich damit gleichzeitig auch gegen alle anderen potenziellen Partner entscheidest. Vor allem unter uns Schwulen ist das ein Problem, denn wir sind es gewohnt, dass wir durch das Internet einfach schnell neue Typen kennenlernen können und dass ein Date gar nichts Besonderes mehr ist. Doch plötzlich kommen dir Gedanken wie “Der ist zwar nett, aber was ist mit den anderen Männern da draußen, die vielleicht noch besser zu mir passen?“. Du fängst nun an, dich auf die Dinge zu konzentrieren, die dir an deinem Date nicht gefallen. Im Prinzip hast du einfach Angst, dass du jemanden verpassen könntest, der viel besser zu dir passt und dich noch viel glücklicher machen würde. Die Angst etwas zu verpassen ist in der heutigen Zeit ein riesen Problem. Im englischen spricht man übrigens von Fear of Missing out oder kurz FOMO. Gerade das Internet mit Social Media überflutet uns mit Bildern und den super Leben von anderen. Dort sehen wir dann auch die total perfekten Beziehungen anderer schwuler Pärchen, bei denen es offensichtlich vor Liebe und Romantik nur so sprüht. Das weckt Neid. Den “normalen” Typen zu daten bedeutet in deinem Kopf dann die “super” Typen, mit denen diese Vorzeige-Beziehung möglich wäre, zu verpassen. Dieser Gedanke ist aber recht hinterlistig, denn er bedeutet: “Egal wen du triffst und wie toll ihr zusammen passt, du wirst immer diesen Gedanken haben und Angst davor haben jemanden zu verpassen und dich am Ende nie für jemanden entscheiden”.

Du hast völlig überzogene Erwartungen

Ein weiterer Aspekt den das Internet verstärkt hat sind unsere mittlerweile völlig überzogenen Erwartungen an das Kennenlernen und eine Beziehung. Wie ich oben beschrieben habe, hatte auch ich immer die Vorstellung, dass ich mich in jemanden direkt beim ersten Date verlieben möchte. Herzklopfen, jede Sekunde an ihn denken, vermissen bis zur Schmerzgrenze und den absoluten Liebesrausch in seiner Gegenwart. Vor allem wir Schwule sehnen uns nach dieser bedingungslosen und großartigen Liebe, nachdem wir beim Großwerden diese Liebe nicht erfahren konnten.

Ich meine das kann schon passieren, dass du so jemanden kennenlernst, der dein inneres Programm so sehr bedient, dass du Hals über Kopf verknallt bist. Aber in den meisten Fällen sind das überzogene Vorstellungen und Erwartungen an den Anfang einer Beziehung, die du irgendwo anders aufgeschnappt hast (Hollywood lässt grüßen). Die Realität ist dann eher ernüchternd. Nach ein paar Dates glaubst du “Irgendwie funkt es nicht” und du machst dir Gedanken, dass du doch lieber jemanden treffen würdest, der deine Vorstellungen einer romantischen Liebesbeziehung erfüllt. An dieser Stelle erlöschen dann die Gefühle für deinen potenziellen Partner und du wirst ihm mitteilen, dass es doch nichts wird.

Was im Übrigen sehr schade ist, denn auf diese Weise verpasst du vermutlich etliche Menschen, die zu dir passen und die dich glücklich machen würden.

Mach dir unbewusste Erwartungen sichtbar.

Wie du siehst spielen ganz verschiedene Einflüsse mit rein, ob du den Drang hast wegzulaufen, wenn ihr euch näher kommt. Auf manche treffen nur einzelne Aspekte zu, auf andere alle. Was du zuallererst machen kannst, ist dir deine eigenen Muster und Erwartungen an eine Beziehung bewusst machen und sie aufzuschreiben. Nimm dir dazu einen Stift und einen Zettel zur Hand und denke an die letzten Treffen, die alle im Sande verlaufen sind. Was hast du gefühlt als du dich zurückgezogen hast. Hat sich der andere vielleicht zurückgezogen durch dein ambivalentes Verhalten? Welchen Grund gab es? Du darfst dabei gerne hinter die Fassade schauen. Wenn du denkst, dass dein Gegenüber einfach nicht dein Typ ist dann schau noch mal genauer hin. Ist das wirklich der Grund oder gibt es noch einen tieferen Grund, den es zu erforschen gibt? (überzogene Erwartungen, FOMO, schlechte Vorbilder..) Schreibe alle verborgenen Glaubenssätze und Muster auf, die du identifizieren kannst.

Als nächstes schreibst du auf wie du dir die perfekte Beziehung vorstellst. Lass hier deiner Fantasie freien Lauf und setze dir keine Grenzen. Wenn du die absolute Verknalltheit willst und völlige Ektase im Sex, dann schreib das genau so. Schränke dich hier nicht ein sondern bringe deine absolute Traumbeziehung zu Papier.

Jetzt folgt der Reaitätscheck. Wie sehr sind dir deine Muster beim Kennenlernen einer neuen Beziehung bewusst? Könnte es sein, dass deine Weglauftendenzen viel weniger mit deinem Gegenüber zu tun haben, als viel mehr mit deinen inneren Programmen? Wie sieht es mit deiner Traumvorstellung einer Beziehung aus? Wie viel Realismus steckt da drin und wieviel Hollywood und Instagram? Du musst deine Vorstellungen von einer Beziehung nicht gleich aufgeben. Mache dir nur bewusst, dass einige dieser Vorstellungen vielleicht etwas mehr Zeit benötigen, um sich zu entwickeln, sodass du die ersten Treffen viel entspannter mit dem Kennenlernen verbringen kannst, als direkt von Anfang an zu erforschen, ob du dich direkt verknallt hast.

Rede über deine Gefühle

Ein weiterer wichtiger Punkt ist Ehrlichkeit und Authentizität. Du wirst sicherlich schon einmal das Gefühl gehabt haben, einen Gedanken bei einem Date nicht auszusprechen, da du Angst hattest, dein Gegenüber findet dich dann komisch. Aber genau hier liegt das Potenzial zur Entfaltung echter Bindung. Wenn du den Mut aufbringst zu sagen, dass du eben gerne Computerspiele spielst oder sagst, dass du leider kein Abitur mit anschließendem Studium absolviert hast und dann feststellst, der Typ findet das sogar spannend, wirst du viel schneller Vertrauen zu ihm fassen und vor allem zu dir selbst und dich trauen viel mehr Persönliches von dir preiszugeben. Und dann sind alle Türen geöffnet um echte Bindung entstehen zu lassen. Und selbst wenn er es dann doch blöd findet. Das hat vermutlich wenig mit dir zu tun. Wichtig ist nur, dass du dich getraut hast und dass du stolz auf dich sein kannst.

Fazit

Woran könnte es also liegen, dass du schnell das Interesse verlierst, wenn es ernst wird? Vermutlich hast du einfach Angst, dass du jemand Besseren verpasst, du hast unrealistische Erwartungen an das Kennenlernen oder du hast Angst dich fest zu binden. Mit dem Bewusstmachen deiner tiefen Muster, deiner Anforderung an eine tolle Beziehung sowie dem Mut, über Dinge zu reden, die du lieber nicht sagen würdest, kannst du diese Ängste überwinden. Dann wirst du das Kennenlernen mit ganz anderen Augen sehen und vielleicht nicht all die tollen Typen verpassen, die super zu dir passen. Probiere es aus!

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